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Vergeben, eine spirituelle Übung?

Verzeihen fällt so schwer. Wege und Perspektiven im Prozess der Vergebung.
Raffael Boriés äussert sich zum Thema Vergebung:

„Viele Menschen tragen Erfahrungen von Verletzungen, von seelischen Schmerzen und von Leid mit sich herum. Diese sitzen z.T. tief und haben spürbare Wirkungen in ihnen hinterlassen. Dabei halten sich zugefügte Verletzungen manchmal hartnäckig in der Erinnerung und bestimmen oft zwanghaft unser Verhalten. Trotz gutem Willen können sie nicht weggesteckt werden. In uns sind Erlebnisse und unsägliche Erfahrungen gespeichert, die zu Prägungen für unser späteres Fühlen, Erleben und Denken werden und unsere Hoffnungen und vor allem unsere Ängste mitbestimmen. Wenn an solche verletzenden Ur-Erfahrungen gerührt wird, dann werden auch nach Jahren oder sogar nach Jahrzehnten wieder Gefühle von Schmerz, Trauer und Wut spürbar. Es scheint, dass solche Wunden in uns nie heilen können.“

Raffael Boriés wurde von Alfred Böhm befragt:

A.B.: Viele Menschen können bestimmte Kränkungen, tiefe Verletzungen nicht vergessen. Es scheint, dass in einer schwierigen Zeit, wie dieser, Menschen unversöhnlich sind. Kann der Mensch überhaupt verzeihen?

R. Boriés: Menschen werden häufig in einen Wandlungsprozess hineingenommen. Dieser kommt vielfach dem Sterben sehr nahe, beinhaltet aber auch Trauerarbeit und die Aufarbeitung von Trennungen von geliebten Menschen, sowie die Aufarbeitung von Konflikten. In solchen Situationen haben wir häufig das Bedürfnis, zu vergeben und vor allem aber auch, Vergebung zu erhalten.

A.B.: Wieso ist die Frage der Vergebung für Dich so wichtig?

R. Boriés: In mir entstand das Bedürfnis, dieses Thema näher zu erforschen, um herauszufinden, was uns an Last und Schuld bindet. Ich begann zu verstehen, was uns festhält und wie wir uns von alten Verletzungen lösen können, damit wir Erleichterung auch in unserem Lebensalltag finden. In meinen Seminaren zu diesem Thema erfuhr ich immer wieder, welch wunderbare erlösende, heilende, ja heilige Momente es gibt, wenn wir etwas vom Wesen des Vergebens, des Verzeihens erfahren und es hingebungsvoll, ganz einfach im Herzen und aus vollem Herzen praktizieren.

A.B.: Braucht es denn dazu Vergebungsrituale?

R. Boriés: Wenn der Mensch etwas von seiner tiefer sitzenden Ich-Natur erfährt, erkennt er, dass ein Teil seines Wesens bequem und z.T. auch unfähig ist, Vergebung umzusetzen. Es ist sehr hilfreich, wenn wir unseren guten Absichten eine Struktur geben. Daraus kann sich eine heilsame Dynamik entwickeln.

A.B.: Was ist das eigentliche Ziel von Vergebung?

R. Boriés: Im Vortrag und dem Seminar möchte ich nicht nur eine „technische“ Handhabung von „Vergebung“ zeigen, sondern dass Verzeihen ein Schlüssel zu Frieden und Harmonie ist. Dies soll vor allem durch Verinnerlichung und Bekräftigung geschehen. Verzeihen ist meiner Meinung nach das grosse Thema der Menschen in unserer heutigen Zeit. Wir alle wollen heil werden, müssen aber erst, ja, dürfen, über die Brücke des inneren Ausgleichs gehen, und die bedeutet nunmal zunächst Vergebung: Sich selbst und anderen.

A.B.: Dazu könnte man doch auch eine Therapie im herkömmlichen Sinne machen!

R. Boriés: Vergebung ist keine psychologische oder psychologisierende Arbeit, sondern betrifft, im engsten Sinn, den inneren Menschen. Es ist eine religiöse Auseinandersetzung mit unserem eigenen Dasein.

A.B.: Also eine transpersonale Arbeit?

R. Boriés: Ja, durch Vergeben lindern und mindern wir persönlichkeitsbedingte Verletzungen. Wir lösen die starren Strukturen in unserem Persönlichkeitsfeld auf und können uns von alten Verhaftungen befreien. Damit wachsen wir über unsere kreatürliche (sterbliche) Persönlichkeit hinaus und finden den Weg zu unserem eigentlichen inneren Wesen.

A.B.: Ist Verzeihen demnach die Voraussetzung zu einem glücklicheren Dasein?

R. Boriés: Ja, Verzeihen ist ein Schlüssel zu uns selbst und Verzeihen ist der Schlüssel zur wahren Liebe. Im Verzeihen liegt ebenfalls der Schlüssel für die Heilung unserer Beziehungen. Verzeihen ist eigentlich so einfach, ... wenn wir die Kraft in unserem Herzen verstanden haben.

A.B.: Raffael, danke für das Interview!

Raffael Boriés arbeitet seit über 20 Jahren auf dem Gebiet der Lebensprozessbegleitung, d.h. er sieht es als seine Aufgabe an, Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine Begleitung, eine Stütze oder einfach ein Hinweis zu sein.

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